Reverse Engineering – Über Copycats und tatsächliche Innovation

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Der Begriff Reverse Engineering ist nicht nur unter Ingenieuren negativ behaftet. Reverse Engineering wird mit Copycat gleichgesetzt. Unternehmen, die Reverse Engineering betreiben, wird mangelnde Innovation vorgeworfen. Aber ist Reverse Engineering tatsächlich der Antichrist, wie alle behaupten oder kann es auch als Chance für Innovation und zur Ankurbelung des Wettbewerbs verstanden werden?

Vereinfacht gesagt, geht es beim Reverse Engineering um die Nachkonstruktion eines physischen Produktes oder einer Software, indem die Struktur, die Zusammenhänge, die Verhaltensweisen zuerst auseinanderdividiert werden, um danach die Funktionsweise eines Systems anhand eines Planes besser zu verstehen. Das Ziel des Reverse Engineerings ist demnach Wissen oder Designinformationen zu extrahieren.

Wird Reverse Engineering im Rahmen eines Studiums  an einer Universität oder höheren Fachhochschule betrieben, wird es im Sinne eines grösseren Ganzen eingesetzt; nämlich die Nachwuchsfachkräfte zu befähigen und auf die Marktwirtschaft vorzubereiten. Reverse Engineering ist in diesem Fall mit Innovationen der Zukunft gleichzusetzen.

Wird Reverse Engineering jedoch von Unternehmen eingesetzt, um ein Konkurrenzprodukt in der Tiefe zu verstehen oder gar um eine Nachkonstruktion auf dem Markt zu verkaufen, sieht die Sache ein bisschen anders aus. In dem Fall ist man schnell in einer rechtlichen Grau- bis Dunkelzone. Die Grenzen zu Industriespionage und Produktpiraterie sind dabei fliessend.

Wie schlecht man sich davor schützen kann, ist mir beim neulichen Besuch der PCIM, einer Fachmesse für Leistungselektronik, aufgefallen. Als Schweizer Vertreter der Firmen EBG und DAU hatten wir die Möglichkeit, die Messe auch aus Sicht der Besucher mitzuerleben. Jedem mit einer Begabung zur Erkennung von Mustern dürfte aufgefallen sein, dass die Aussteller im vergangenen Jahr ihre Zeit auch dazu einsetzten, um die exotischen Pflänzchen im Garten des Nachbarn zu begutachten. Erstaunlich ist dabei nur, wie schnell die Konkurrenz dieselben Pflänzchen im eigenen Garten sät und versucht diese heranzureifen.  

Schaut man jedoch etwas genauer hin, respektive beschäftigt man sich eingehender mit der Spezifikation, ist auch für Leute ohne grünen Daumen ersichtlich, dass diese Pflänzchen niemals so hoch wachsen und so schön blühen werden wie mit dem ursprünglichen Saatgut.  

Gefährlich wird es erst, wenn Unternehmen nicht nur etwas nachkonstruieren, sondern das Produkt so gut verstehen, dass Sie nicht nur eine schlechtere Kopie, sondern ein Produkt mit verbesserter Leistung auf den Markt bringen. Reverse Engineering richtig eingesetzt hätte das Potenzial, den Wettbewerb anzukurbeln und das Paradigma von Charles Darwin „Survival of the Fittest“ hochleben zu lassen.

In diesem Sinne sind wir doch gespannt, welche “Innovationen“ nächstes Jahr auf dem Markt zu finden sind. Vielleicht der intelligente Widerstand, welchen EBG dieses Jahr lanciert hat?